Borderline eine Krankheit zwischen Schwarz und Weiß

Unsere Bewohnerin Sonja Spaete, hat sich bereit erklärt, etwas zu ihrer Erkrankung „Borderline – Persönlichkeitsstörung - BPS“ zu erzählen.

 

"Ich habe extreme Stimmungsschwankungen. In einem Moment bin ich total überdreht und glücklich, im nächsten Moment bin ich traurig, deprimiert oder wütend. Ein Gefühl dazwischen kenne ich kaum", erzählt Fr. Spaete. Ihr Zustand wechsle zwischen den Extremen – traurig/wütend und glücklich, schwarz und weiß. Und gleichzeitig fühle sie sich auch innerlich leer. "Es ist oft so, als würde ich in einem Meer aus Gefühlen ertrinken"

 

Wie war es als Sie die Diagnose BPS bekommen haben?

·         „ich weiß es gar nicht mehr genau, es ist so lange her. Erst mal musste ich mit der Erkrankung klar kommen und ich war erleichtert. Erleichtert zu wissen, dass es einen Grund hat, warum ich mir zum Beispiel die Arme aufschneide.

Hat die BPS Einfluss auf Ihre zwischenmenschlichen Beziehungen?

·         „ich bin lieber alleine, glaube nicht, dass das etwas mit meiner Erkrankung zu tun hat. Ich habe einen Freund und er hält zu mir, scheint mich zu verstehen."

Welches Vorurteil über BPS stört Sie am Meisten?

·         "die Annahme, wir seien manipulativ. Manchmal wirkt mein Verhalten vielleicht manipulativ, aber mehr aus Verzweiflung heraus, um mit anderen in Kontakt zu treten und jemanden zu haben, der versteht, wie die Krankheit sich anfühlt. Ich glaube, dass Impulsivität im Grunde unser Versuch ist, mit anderen Menschen zu reden. Für Außenstehende wirkt das oft manipulativ."

Gibt es etwas, was sie anderen Menschen, die ebenfalls an BPS leiden, sagen möchten?

·         "Geht sofort zum Arzt solltet ihr suizidale Gedanken haben. Man sollte keine Angst davor haben, zu einem Psychologen oder Psychiater zu gehen."

Welche Symptome waren Ihre Deutlichsten?

·         "Das Aufschneiden der Arme (Druckabbau) und diverse Selbstmordversuche (verursacht durch Stress, Problemen)"

Warum, glauben Sie, wollen viele Menschen mit BPS sich umbringen?

·         "Der Stress, die Sorgen, der Druck werden immer größer

·         Wir fühlen uns nicht ernst genommen"

Wie fühlt sich ein schlechter Tag für sie an?

·         „ich bin genervt, gereizt und es macht keinen Unterschied ob ich einen Menschen vor mir stehen habe den ich mag oder nicht mag. Ich werde ungerecht, schreie, schimpfe, schmeiße Türen oder haue etwas kaputt.“

Vielen Dank Frau Spaete, dass sie sich uns mitgeteilt haben. Danke für Ihr Vertrauen in uns.

Ihr Team des Haus Regina

Borderline - durch den Trialog - besser verstehen

Versucht man, Borderline aus der Betroffenen-Perspektive zu beschreiben, ist es gar nicht so einfach, passende Worte dafür zu finden. Worte die eine Momentaufnahme davon einfangen, was es bedeutet, mit Borderline zu leben. Was Fachleute als Störung der Emotionsregulation beschreiben, ist im Alltag der Betroffenen ein permanentes Gefühlschaos, oder eine ständige Achterbahnfahrt der Gefühle. Und was Professionelle als dysfunktionale Spannungsregulation betiteln – wie etwa Schneiden oder Drogenmissbrauch - sind für die Betroffenen verzweifelte Versuche, mit diesem inneren Chaos umzugehen. Oft geht es im Alltag für die Betroffenen darum, auszuhalten. Ein Gefühl von Identitätslosigkeit aushalten und diese ständig quälende Frage danach, „wer ist dieses, ich´ eigentlich? Die Betroffenen können auch nicht ertragen, sich im Spiegel zu betrachten. Weil sie für das, was sie dort sehen, den allerstärksten Hass empfinden. Sie müssen die Einsamkeit aushalten, während sie sich nach Nähe sehnen – können dann die Nähe aber nicht ertragen und fürchten das Verlassen werden. Es gibt weder Flucht noch Sicherheit. Borderline-Betroffene müssen Anspannung und diese innere Leere ertragen, die wie eine subtile Bedrohung wirkt und hinter jeder Art von Leerlauf lauert. Und manchmal fühlt es sich an, als ob man durch eine unsichtbare Wand von dem Rest der Welt getrennt ist, an der man niemals teilhaben kann. Das alles ist für die Betroffenen veränderbar – dazu brauchen sie jedoch Begleiter im Alltag, die die Borderline-Störung verstehen können.

Heute gibt es ein fundiertes Wissen über die Borderline-Störung. Dank intensiver Forschung der letzten Jahre können die zentralen Probleme der Betroffenen, wie beispielsweise Probleme mit der Emotionsregulation inzwischen gut verstanden werden. Spezialisierte Behandlungskonzepte wurden entwickelt und haben die Prognose für Borderline-Betroffene deutlich verbessert.

Kommen dann von Betroffenen Äußerungen, wie „kenn ich alles schon, hat mir nicht geholfen“, oder „ich schaffe es trotzdem nicht, bei mir ist es eben komplizierter“, sind die Grenzen des Verstehens schnell wieder erreicht. Professionelle Helfer kommen dann vielleicht auf den Gedanken, die Betroffenen wollen sich nicht helfen lassen und sehen ihr hohes Engagement ins Leere laufen; Familienangehörige und Partner gewinnen manches Mal sogar den Eindruck, dass den Betroffenen die Rolle als Patientin gefällt, während die Betroffenen das Gefühl haben, nicht akzeptiert zu werden. Hier ist für alle Beteiligten eine weitere Ebene des gegenseitigen Verstehens nötig, um nicht an Motivation zu verlieren und auch die nächsten Schritte gemeinsam meistern zu können. Der Trialog als Erfahrungs- und Wissensaustausch zwischen Angehörigen, Fachleuten und Betroffenen, hat sich in den letzten Jahren als ein geeignetes Instrument dafür bewährt.

In Familien oder Partnerschaften mit einem Borderline-Betroffenen sind Kommunikation und Beziehungen oft geprägt von heftigen Emotionen. Manchmal geht gar nichts mehr; die Beteiligten können nicht mehr miteinander sprechen, ohne in Streit und in gegenseitige Schuldzuweisungen zu geraten. Eine sachliche Gesprächsebene ist vielleicht nicht mehr zu finden. Hilfreich kann dann sein, Abstand zu gewinnen, die Situation von außen betrachten und sich in die Lage aller Beteiligten hinein zu versetzen. Genau das geschieht im Trialog, wenn Betroffene, Angehörige und Fachleute (die sich zunächst nicht kennen und in keiner emotionalen Verstrickung miteinander sind) sich auf gleicher Augenhöhe zum Austausch von Erfahrungen und Wissen an einen Tisch setzen: Lernen und Verstehen über einen Stellvertreter! Mit diesem neu gewonnenen Wissen kann wieder Begegnung statt finden, es entsteht ein tieferes Verständnis für die Borderline-Störung. Solche Trialog-Veranstaltungen gibt es inzwischen in 21 Städten im Deutschsprachigen Raum. Sie sind recht einfach zu organisieren und bei der Gründung kann auf die Erfahrungen der Borderline-Trialog Kontakt- und Informationsstelle in Nürnberg zurück gegriffen werden.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Bücher, Ratgeber, Artikel und Internetseiten über die Borderline-Störung. Um aber zu verstehen, wie sich die Borderline-Symptome für die Betroffenen anfühlen und wie sie sich auf den Alltag auswirken, genügt es eigentlich nicht, viel zu lesen. Im Borderline-Trialog, in den dialogischen Fortbildungen und im direkten Gespräch mit den Betroffenen, kann es besser gelingen, die Borderline-Störung wirklich zu verstehen. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen der Störung, individuelle Unterschiede und völlig verschiedene Ausgangssituationen.

Quelle: http://www.borderlinetrialog.de/borderline-verstehen